Nicht jede/r wird 101

Künstlerische Praxis unter Bedingungen, über die man nicht spricht.

Ich bin 63. Ich habe Migräne. Manchmal gehe ich mit Schmerzen ins Atelier und verlasse es wieder mit Schmerzen, habe trotzdem gearbeitet, manchmal etwas gemacht, das mich überrascht, manchmal nichts. Es gibt Tage, an denen die Energie nicht da ist, obwohl der Wille da ist. An denen der Körper sich weigert, eine Arbeit fortzuführen, die ich fortführen will.

Über kreative Blockaden wird viel gesprochen. Andere Blockaden hingegen werden meist schweigend übergangen: jene, die nichts mit Ideenmangel zu tun haben, sondern mit fehlenden körperlichen Ressourcen, fehlender Nervenkraft.

Joan Mitchell malte die letzten fünfzehn Jahre ihres Lebens durch Krankheit hindurch – und genau aus diesen Jahren stammt ihr konzentriertestes Werk. Tracey Emin malt nach Krebs, lebt mit einem Stoma, schafft heute einige der kompromisslosesten Bilder der Gegenwart. Sie ist 62. Sie arbeitet in dem Körper, den sie hat, mit der Zeit, die sie hat.

Ich kam spät zur Malerei

Die zweite Bedingung, die selten benannt wird: Ich kam spät zur Malerei. In meiner Malpraxis bin ich erst vor sechs Jahren ernsthaft angekommen. Der Kunstmarkt hat ein Vokabular für emerging artists – fast immer unter vierzig. Für eine Frau über sechzig mit einem wachsenden Werk fehlt das Vokabular. Wiederentdeckt wird man meist erst, nachdem man sechzig Jahre im Verborgenen gearbeitet hat. Carmen Herrera verkaufte ihr erstes Bild mit 89, ihre erste große Soloausstellung in New York hatte sie mit 101.

Inspirierende Geschichten. Aber nicht jede/r wird 101. Und es bleibt eine brennende Frage: Was ist mit der Zeit, die jetzt gelebt wird – von der Künstlerin, die ernsthaft arbeitet und sichtbar werden möchte, während sie noch hier ist?

Eine Formulierung, über die ich nachdenke: 

Verdichten, ohne auszudünnen

Verdichtung ist nicht optional, wenn weniger Kalenderjahre vor einem liegen. Jedes Bild muss mehr tragen, nicht weniger. Aber Verdichten ist nicht Beschleunigen. Ausdünnen bedeutet, mehr zu produzieren in der Hoffnung, dass die Sichtbarkeit nachzieht. Tut sie selten. Was in dieser Lebensphase wahrgenommen wird, ist konzentrierte Arbeit – nicht mehr Arbeit.

Verdichten heißt vor diesem Hintergrund auch: den Jahren vor dem Atelier vertrauen. Sie sind nicht das Hindernis, das überwunden werden musste, um anzukommen – sie sind das, womit man ankommt.

Das Atelier, in das ich gehe, sieht nicht aus wie auf den Hochglanzbildern. Ich vermute, das gilt für viele von uns. Mir wäre lieber, wir sagten es.

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